Die politischen Wirren, die Kriegsereignisse und deren Folgen zu Beginn und in der Mitte des 20. Jahrhunderts haben die deutsche Theatertradition in Budapest unterbrochen und erst nach der erneuten Demokratisierung und der wirtschaftlichen und politischen Anbindung Ungarns an die Europäische Union wurden die Voraussetzungen für eine Wiederbelebung deutschsprachigher Theaterkultur in Budapest geschaffen.
Nach der politischen Wende 1989 wurde immer mehr Mitbürgern bewußt, daß das Land ohne Fremdsprachen sowohl politisch als auch wirtschaftlich und kulturell isoliert wird. Der wahre Wert der europäischen Kultur liegt in der Annahme der Vielfalt der Verschiedenheit. Ein deutschsprachiges Theater stellt also nationale Werte her. Ein Theater als Forum der deutschsprachigen Kulturen (sic!) vermag dem ungarischen Publikum Weltoffenheit zu vermitteln, was eine der wichtigsten Botschaften unseres Theaters ist. Dem Publikum die historische Erfahrung bewußt zu machen, welche gemeinsame Sorgen wir haben - und wie ähnlich sie in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland, in Ungarn und europaweit sind. Dieser Gedanke findet seinen Niederschlag selbstverständlich nicht nur als tragende allgemeine Grundidee des Projekts, sondern auch in der alltäglichen Spielplangestaltung. Es ist vielleicht ein Zeichen der Zeit, daß man hier vor 150 oder 200 Jahren dafür gekämpft hat, anstelle des deutschen Theaters endlich ein ungarisches Theater zu schaffen - und wir uns jetzt einsetzen, daß hier wieder auch ein deutschsprachiges Ensemble entsteht. Der Bedarf ist spürbar, den berechtigten Ansprüchen des Publikums muß man gerecht werden. Uns ist wohl bewußt, daß die heutige multikulturelle Ausstrahlung der Hauptstadt in nicht geringem Maße auf die ehemalige Präsenz deutschsprachiger Bühnen zurückzuführen ist. Dieser Herausforderung zur Schließung der künstlerischen, kulturellen und politischen „Marktlücke“ haben wir uns gestellt.
Zur Freude des Publikums und der Tradition verpflichtet hat man im März 1998 zwei Institutionen: das Deutsche Theater Budapest (im Weiteren: DTB) und den Gemeinnützigen Verein zur Schaffung und Unterstützung eines deutschsprachigen Theaters in Budapest (im Weiteren: Theaterverein) gegründet. Diese beiden Institutionen bemühen sich, eine wahre Wiederbelebung des deutschsprachigen Theaterwesens in der Hauptstadt unter modernen Aspekten zu erreichen. Es ist uns ein besonderes Anliegen, für alle Freunde des deutschsprachigen Theaters offen zu sein und als Teil der kulturellen Brücke zwischen den deutschsprachigen Ländern Europas und Ungarn zu wirken.
Durch die Kontinuität des Theaterspielens ist das DTB in der ungarischen Theaterlandschaft präsent geworden. Ein jedes Theater ist so viel wert, was das Publikum davon hat. Bereits drei durchgespielte Theatersaison haben wir hinter uns. Die erreichte gesellschaftliche Akzeptanz beweist, daß wir Erwartungen geweckt haben und bisher dieser Erwartungen auch gerecht geworden sind. Außer Aufnahme von Gastspielen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum haben wir nun drei eigene Produktionen auf dem Repertoire. Im Herbst 2002 kommen weitere zwei Premiéren heraus. Über Abstecher in ungarndeutschen Kleinstädten hinaus haben wir Gastspiele in Temeswar und in Berlin absolviert, was unserer Bemühungen bereits eine gewisse internationale Präsenz gesichert hat.
Durch die Beschaffenheit unseres Theaters kommt es zur Geltung, daß es hier in keinem Fall so etwas wie eine autarke deutsche „Kulturinsel“ geschaffen wurde, sondern vielmehr ein weltoffenes, deutschsprachiges Zusammenwirken im europäischen Sinne. Deshalb ist das DTB als Repertoiretheater konzipiert worden, deshalb arbeiten bei uns ungarische Kollegen mit Schauspielern aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zusammen und deshalb versuchen wir, möglichst alle Publikumsschichten anzusprechen.
Im Spielplan findet man Klassisches (Ein Hochstapler erzählt, Die Möwe, Amadeus, Jedermann, Deutschland, ein Wintermärchen) und Modernes (Krach im Hause Gott, Der Kontrabaß, Prophetenwalzer, Bei uns, in Europa), Internationales (Gefährliche Liebschaften, Kunst) und Ungarisches (Spiegelspiel, Das große Heft), Prosa (Der Herr Karl) und Musik (Zeitgeist, Gedanken beim Überfahrenwerden, Faust), Komödie (Die Sternstunde des Josef Bieder, Offene Zweierbeziehung, Nächstes Jahr - gleiche Zeit, Jahre später - gleiche Zeit) und Tragödie (Iphigenia auf Tauris), Unterhaltungstheater für Erwachsene (Germanisch deptressiv, Kommen und gehen, extra ordinaire) und Kinderprojekte (Pinocchio, Der Schweinchenritter, Der kleine Prinz), sowie Traditionspflege (O Tannenbaum), d.h. bisher Thomas Mann, Anton Tschechow, Peter Schaffer, Heinrich Heine, Erich Kästner, Hugo von Hofmannstahl, Felix Mitterer, Patrick Süskind, Choderlos de Laclos, Yasmina Resa, Gábor Görgey, Ágota Kristóf, Zsolt Pozsgai, Karl Merz - Helmut Qualtinger, Erich Kästner, Johann Wolfgang von Goethe, Eberhard Streul - Otto Schenk, Dario Fo, Carlo Collodi, Roberto Frabetti, Antoine de Saint-Exupéry, Bernard Slade in einer ausgewogenen Einheit. Durch unsere Spielplangestaltung geben wir ungarischen Autoren die Chanche, im deutschsprachigen Raum präsent zu werden.
Bei uns finden viele Publikumsschichten ihre Freude am Theater. Wer braucht also ein deutsches Theater in Budapest? Nur ein paar Intellektuelle, nur wenige geistreiche Menschen und von humanistischen Gedanken (manchmal Gehabe) durchdrungene „Oberschichtler”? Nein! Theater ist eine Zeitinsel für jeden. Gleich dem Mantel wird der Alltag in der Garderobe abgelegt und man taucht ein in eine Welt, die vergessen macht. Die Konzentration des Zuhörens und des Zuschauens drängt zur Seite, was einem vorher wichtig erschien. Und für zwei oder drei Stunden gibt es Erholung vom Tagesgeschehen.
Viele brauchen diese Erholung: über 5500 Joint Venture-Firmen sind in Budapest oder in dessen Umgebung tätig. Der Einzug von weiterem Kapital ist wirtschaftspolitisch erwünscht. Die längerfristig in unserem Lande arbeitenden Diplomaten, Gastlehrer, Bankiers, Wirtschaftsleute, Unternehmer, welche von interessierten Delegationen ständig besucht werden und so nicht zu verachtende Multiplikatoren unserer Kultur in der weiten Welt sind: all diese Schichten dürfen den kulturellen Nabelschnur zur deutschsprachigen Theaterkultur nicht abgeschnitten bekommen. Der unmittelbare kulturpolitische und wirtschaftliche Wert des Deutschen Theaters Budapest ist nicht zu unterschätzen. Die Erfahrung zeigt, daß die Multis bei der Entscheidungsfindung ob man hier oder dort investieren soll, die stimmige Beschaffenheit des kulturellen Umfeldes unter ihren 20-25 ausschlaggebenden Aspekten berücksichtigen. So ist das deutschsprachige Theater ein Unternehmen, das wichtiges und wirksames Kapital ins Land zieht. (Leider nicht direkt für das Theater, gerade daher sollte man meinen, daß eine Subvention durch die öffentliche Hand eine Selbstverständlichkeit sei!) Sind unsere Einsätze genug, das so entscheidende kulturelle Komfort-Gefühl dieser Schichten befriedigend zu sichern?
Weil der überlegte Publikumsaufbau eine sinnvolle Zukunftsinvestition ist, freut sich das DTB besonders, das Studenten und Schüler, d.h. ein jugendliches Publikum sich bereits bei uns als Stammbublikum etabliert hat. Und weil das DTB zur Aufrechterhaltung des Dialogs zwischen Mehrheit und Minderheit effizient beitragen möchte, sorgen wir dafür, daß auch das ungarndeutsche Publikum auf seine Kosten kommt.
Eines der wichtigsten Fundamente eines "fremdsprachigen" Theaters ist die stabile Sprach- und Sprechsicherheit des künstlerischen Personals. Im Falle des DTB ist dieses Fundament gegeben: die sprachliche Basis der künstlerischen Arbeit wird nicht nur durch die aufgenommenen Gastspielen aus dem deutschsprachigen Raum, sondern auch durch das bewußte Einbinden von Muttersprachlern in den eigenen Produktionen zweifelsohne gesichert. Dies trägt auch künstlerische Früchte: das spannende Aufeinanderprallen von verschiedenen Theatertradionen gibt zwar dem für die Einheit der jeweiligen Produktion verantwortlichen Regisseur eine extra Portion Arbeit, es führt gleichzeitig zum Entstehen von neuen künstlerischen Qualitäten und motiviert die Schauspieler stark.
Vorhanden sind ein entsprechendes künstlerisches Potential, ein sicheres Prestige, eine solide materielle Basis, und auch entsprechende Netzwerke, die zur Effizienz unserer Arbeit bisher zuverlässig beigetragen haben und dies zu tun auch in der Zukunft beabsichtigen. Das Ziel ist ein eigenes Ensemble und eine eigene Spielstätte, damit ein in jeder Hinsicht professionelles Theater aufgebaut werden kann. Wir bemühen uns, die dazu notwendigen personellen, materiellen und nicht zuletzt Prestige-Voraussetzungen zu schaffen. Diese Einheit der drei Voraussetzungen herbeizuführen, ist zum Erfolg unerläßlich, weil keine der drei ohne die anderen zwei entsprechend wirksam werden kann. Umsonst die fachgerechte Leitung, der begabte Regisseur, das durchschlagekräftige Schauspieler-Ensemble: wenn sie die zur Herstellung der Qualität notwendige materielle Basis nicht zugesichert bekommen, können sie ihr Talent unmöglich entfalten. Umsonst das ersehnte Geld: wenn es nicht zu optimalen Strukturen eingesetzt wird, leidet die Effizienz darunter. Und umsonst die gesicherten personellen und materiellen Voraussetzungen: wenn das Resultat kein Prestige-Wachstum zur Folge hat, wenn es vom Publikum und von der Branche nicht anerkannt wird, so wird man den zu der weiteren Arbeit notwendigen Treibstoff vermissen. Es gilt also die Absicherung dieser Dreifaltigkeit auch weiterhin anzustreben.
Theater muß von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden, weil die Öffentlichkeit es braucht. Als moralische Anstalt trägt das Theater zur Verbesserung des Menschen bei, es ist ein Spiegel der Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Theater ist verstümmelt, einer ganzen Dimension ihrer Erfahrung beraubt. Als Unterhaltung soll es faszinierend sein und über den Alltag hinausweisen. Theater ist unersetzbar. Es hat mit der trostlosen Uniformität der Unterhaltungsindustrie nichts gemein. Das Theater muß frei sein. Es hat sich am künstlerischen Gewissen seiner Mitarbeiter zu orientieren, nicht an Diktaten. Das Theater soll sich der Herausforderung der Zeit stellen - auch im Sinne, daß der Betrieb durch eine Mischung von Subvention und marktwirtschaftlichen Aktivitäten gesichert wird.
Das DTB stellt nationale und kulturpolitische Werte her, es lockt weiteres wirksames Kapital ins Land und es stärkt die Tragfähigkeit der kulturellen Brücke zum deutsch-sprachigen Raum. Die Präsenz vom Deutschen Theater in Budapest sollte zu einer Selbstverständlichkeit für die ungarische Hauptstadt und für unsere Kulturpolitik werden.